Ich lese meinen letzten Instapost über emotionale Erpressung – und etwas bewegt sich in mir. Ich merke: Ich bin selbst betroffen. Und zum ersten Mal spüre ich wirklich, was damit gemeint ist, dass die Scham die Seite wechseln muss. Denn ich traue mich kaum, das hier so zu schreiben:
Nadine, du bist meine Retterin, wenn du mir Geld gibst. Nadine, dieses Mal ist es wirklich wichtig – es geht auch nur um 5.000 €. Nadine, hast du meinen Brief bekommen? Kannst du mir helfen? Ich sollte Geld geben, dann wäre ich die Retterin, dann würde ich gemocht, dann wäre ich ein guter Mensch.
Ich sitze in meiner Wohnung in Hamburg, in den Händen einen Brief von einem mir sehr nahestehenden Familienmitglied. Darin werde ich um Geld gebeten. Geld, das ich nicht einfach so habe, das ich aber irgendwie zusammenkratzen könnte. Mir wird gesagt, dass ohne meine Hilfe das Familienunternehmen den Bach runtergeht – und dass ich es jetzt retten könnte. Das sei sehr wichtig. Sage ich Nein, trage ich Mitverantwortung dafür, dass alles zusammenbricht. Dabei habe ich mit dem Familienunternehmen nichts zu tun, außer dass ich in es hineingeboren wurde. Ich weine. Stundenlang. Ich wollte nie wieder von dieser Person um Geld gebeten werden. Denn die Frage war nicht bedingungslos – „magst du in die Firma investieren?“ – nein, sie beinhaltete die emotionale Ebene: du musst das tun, sonst bist du nicht mehr so gemocht, geliebt, anerkannt bzw. verantwortlich dafür, dass es dem Unternehmen und damit auch der Person sehr schlecht geht.
Der letzte Vorfall liegt ein paar Jahre zurück. Damals hatte ich mich gefreut, dass sie mich besuchen kam – in meiner kleinen ersten eigenen Wohnung. Doch irgendwann wurde ich nach Geld gefragt. Damit würde ich die Firma retten, und der Person wirklich helfen. Sie hätte keine andere Lösung mehr für ihr Problem. Ich bat die Person, mich nie wieder um Geld für diese Firma zu bitten – und mich nie wieder zu besuchen, wenn es nur darum geht. Ich weinte. Tagelang.
Noch ein paar Jahre früher hatte ich es getan. Im ersten Job hatte ich einen Kredit aufgenommen – mir würde schließlich alles zurückgezahlt werden. Es war mal wieder megawichtig, für den Familienbetrieb. Schließlich sei ich Teil der Familie, und man habe mir als Kind und Jugendliche einiges ermöglicht. Den Betrag habe ich nie vollständig zurückbekommen. Ich sagte offen: Wenn du mir das Geld nicht zurückzahlst und dein Versprechen nicht hältst, brauchst du mich nie wieder um Geld zu bitten. Ich spürte Wut und Hilflosigkeit.
Diese Grenzen zu setzen war wichtig – und doch das Schmerzhafteste, was ich tun konnte. Denn ich hätte etwas anderes gebraucht: gesehen, geliebt und anerkannt zu werden. Einfach so. Ohne dass ich dafür zahlen muss. Ich vermute, das war auch irgendwie da – und doch trafen diese Fragen, diese Art zu fragen, eine tiefe, verwundbare Stelle. Eine, die mich bis heute prägt.
Heute fällt es mir immer noch schwer darüber zu sprechen, oder zu schreiben. Denn die Person ist verstorben und in mir sind Sätze wirksam, dass ich diese irgendwie in Ehren halten muss, wir hatten ja auch gute Zeiten…und doch spüre ich heute ganz klar, welche Grenzüberschreitungen und emotionalen Verletzungen mir damit zugefügt worden sind. Ich weiß, wie viel innere Stärke es braucht sich klar zu positionieren und die emotionalen Anschuldigungen nicht zu sich zu nehmen. Und was es bedeutet Verantwortung für die eigenen emotionalen Schmerzen zu übernehmen. Emotionale Abhängigkeiten sind oft subtil und haben vor allem Kraft im engsten Familienkreis. Heute bin ich Expertin dafür meine Klientinnen in ihre eigene Klarheit zu führen, selbststark zu werden und Verantwortung zu übernehmen.

